29.04.2010

Der Geologe

von serajaten in Kurzgeschichte

Oder: Wie ich mich in die Eiskönigin verliebte

Wo begann das alles?! Gerne würde ich Ihnen ein romantisches Bild skizzieren; Ich, geboren zwischen Stalagmiten und Stalagtiten, kalkmilchgesäugt. Doch so banal kitschig war mein Lebensmorgen nicht.

Mein erster Kontakt zum Gestein, damals nannte ich es noch unwissend Dreck, fand wie bei vielen Jungen auf dem Schulhof statt. Dort machten es sich die Oberklässler jedes Jahrgangs zur ureigensten Aufgabe, den Schülern der ersten Klasse die Rangordnung in der großen Pause beizubringen. Wie so oft in der Geschichte der Menschheit nutzen sie dabei das Mittel des Exempels, um der übrigen Mannschaft Neueingeschulter das Wort Metapher zu ersparen. Exempel kannten wir alle, der Krieg war schließlich erst ein paar Monate vorüber.

Körperlich in früher Kindheit eher schwächlich statuiert, prädestinierte mich der Mangel an Körperkraft als Opfer jedweden Zweckes. Bis zum Alter von 14 Jahren war es bevorzugt ich, der Prügel kassierte oder den Schmutz aus den Regenpfützen rund um das Schulhaus soff. War dies der Ausbildung eines gesunden Selbstbildes eher abträglich, so hatte es dennoch eine überaus positive Wirkung auf mein Immunsystem. Das rege Tauchen im kalten Wasser und die Hyposensibilisierung gegen allerlei Getier ließen mich zu einem ungewöhnlich gesunden jungen Mann heranwachsen. So um das Jahr 1949 herum rollte das Tuberkel durch unsere kleine Stadt, so wie es der Ami und vor ihm der Russe getan hatte. Viele an unserer Schule fielen ihm zum Opfer und jene, die überlebten, litten ihr übriges Leben unter den Folgen. Im Rückblick kann ich nicht anders, als eben diesen unfreiwilligen Kneippkuren aus meiner Kindheit eine heilende Wirkung zuzuschreiben.

Als Anekdote dieser frühen Nachkriegszeit möchte ich noch bemerken, dass der letzte Hitlerjunge, der sich immer noch als Arier sah, ebenfalls dahingerafft wurde. So viel zur damals proklamierten Überlegenheit dieser ach so überforderten Rasse. Was musste sie nicht alles auf sich vereinen.

Doch ich schweife ab!

(Möchten sie mehr erfahren?)


07.02.2010

Aus der Bahn!

von serajaten in Kurzgeschichte

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„Aus der Bahn! Aus der Bahn!“, schreit es gellend aus tausend Kindermündern. Wie Möwen schreien sie, in allen Oktaven, unterstützt von Vätern und zögerlicher von Müttern fordern sie das Recht auf freie Fahrt. Das Meer, das sie bevölkern ist weiß. Weich wo es Schnee ist, hart wo der Schnee den Gesetzen der Physik und dem Aggregatszustand weichen, frieren musste. Sie schreien in einem Hunger nach Spaß, unstillbar bis die Müdigkeit ihre Körper an die Schlitten klebt und Väter und Mütter ein Bündel aus verklebten Augen, blauen Fingern und klebrigem Matsch nach Hause karren.

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„In die Bahn! In die Bahn!“, höre ich sie rufen, Koffer hinter sich her zerrend, wie unwillige Straßenköter, die nicht wissen wie ihnen geschieht. Von hier hin nach dort hin eilen sie. Manchen sieht man an, wie gering ihre Chancen sind, ihr Blick hetzt zwischen Ziel und Bremsklotz: Familie, Kinder, Koffer, Kinderwagen, Reisende auf dem Weg, die im Weg sind. Dazwischen immer ein Blinzeln zur Uhr. Sie halten an sich, um nicht wütend alle niederzuschreien, aber sie halten nicht an. Wären sie glücklicher, wenn sie ihr Scheitern erkennen könnten? Es Umarmen? Statt zu hetzen, als würden sie ein Leben verpassen? Es ist nur ein Zug und keine Entscheidung. Züge kann man täglich fällen.

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“, schnauft der Waggon neben mir erleichtert. Er ist angekommen. 280 km/h schnell nahm er die Strecke bis hier her. Nun durfte er verschnaufen. „Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“, schnaufte er Bestätigung und Tadel. Was denkst du, will er mir sagen, wer wird in 10 Minuten wieder die gleiche Strecke zurück nehmen? Und du glaubst du hättest Stress? Du glaubst dein Leben sei eine Einbahnstraße? Ein Weg ohne Zurück?
Hätte ich die Wahl, flüstert er entrüstet, denkst du nicht, ich wäre gern mal auf weniger ausgetretenen Pfaden unterwegs? Mein Weg ist schon so oft gegangen, dass sie ihn aufschütten mussten. Und meine Schritte sind so schwer, dass ich Kilometerweise Stahl unter ihnen fühlen muss. Und mein Onkel, der hat mal versucht auszubrechen. Fand niemand schön! Nennst du das etwa ein Leben? Dieses Hin und zurück!?

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„Nein, du musst es anders machen.“, sage ich und nehme deine Finger in meine Hände. „Guck. Hier und da muss du den Daumen und die Daumenballen fest zusammen drücken. Erst unten, dann kannst du die Spannung besser kontrollieren.“ Mit deinen kleinen Händen ginge das viel einfacher, fiel mir auf. Meine sind groß und stark, stark genug um einen geliebten Menschen zu halten, ihm Halt zu geben, ihn auch aufzuhalten. Aber für so filigrane Dinge wie Grashalme waren sie inzwischen fast zu klobig. Deine Uhrmacherfingerchen waren dafür eindeutig prädestiniert. Aber dir fehlte die Erfahrung. Erfahrung macht dicke Finger gelenkig. Erfahrung sorgt dafür, dass wir über manches nicht mehr nachdenken. Unsere großen Finger zum Beispiel. Und unser Leben. Aber manchmal konfrontiert uns dieses auch mit etwas neuem. Menschen mit kleinen Händen, die mal nur eine Idee waren in den Köpfen von Menschen mit großen Händen. Und dann fällt uns wieder ein, wie man Grashalme halten muss, damit sie quietschen, wenn man auf sie bläst.


18.01.2010

Orang Utan auf Borneo

von serajaten in Gaga, Kurzgeschichte

Mein erster und vielleicht letzter Twittertext ;)

Das Heißwasser in der Steigleitung klingt nach Niagara und weckt Gedanken an Borneo.
Irgendwie hat es die Wasserpumpenzange in meine Hand geschafft.
Borneo, hör ich es hinter meiner Stirn hallen. Borneo, immer wieder Borneo!
In Borneo dampft es, denke ich. Da dampft es, weil es so warm ist. Im Dschungel, nach dem Regen, während des Regens. Es dampft in Borneo!
Und die Affen, die wissen das Borneo ne Insel ist. Die tanzen da. Auf Borneo. Im Dampf. Weil es da keine Tiger gibt. Wasserscheues Pack!
Auf Sumatra gibt es Tiger. Da haben die Affen das Tanzen verlernt. Das ändert sich, wenn die Tiger fliegen lernen.
Die Wasserpumpenzange, was wollte ich noch mal mit der Wasserpumpenzange? Wie bin ich jetzt so schnell von Sumatra hier her gekommen?
Ich habe schon Fotos gesehen, von Pavianen in heißen Quellen. Mitten im Winter. Und wieder dampfte es. Warum ist es nur so kalt auf Borneo?
Stufe 2 war Niagara, Stufe 5 gleicht dem Geräusch des Atlantiks, wenn jemand den geheimen Stöpsel zieht. Soll schon passiert sein. Gluuuuck.
Auf Borneo nennt man das mild. Aber mehr gibt die Heizung eben nicht her. Keine Affenhitze hier. Das muss besser gehen!
Wie ein Ahne erkunde ich die Möglichkeiten eines neuen unvertrauten Werkzeugs. Draufschlagen funktionierte schon nach 2 Sekunden. Erfolg = 0
Ich beneide die Orang Utans, sowohl auf Borneo, als auch Sumatra. Trotz der Tiger, die ihnen das Fell über die Ohren ziehen könnten. Fell.
Felle sind warm. Aber sie können einem davon schwimmen, v.a. wenn man natürlicherseits nicht dauerhaft mit ihnen ausgestattet wurde!
Ob Orang Utans jemals Felle davon geschwommen sind ist wissenschaftlich nicht belegt. Anders sehen es da die Tiger auf Sumatra.
In meiner Verzweiflung habe ich das Fenster geöffnet, um den Thermostat im Heizungsgriff das letzte Quentchen Öffnung rauszubetteln. Kalt!
130 Grad. Bei 130 Grad ist Dampf überhitzt. Da ich das weiß, bin ich nicht zufrieden. Meine Fertigkeiten mit der Zange nehmen rapide zu.
Ich liebe diesen Heizkörper. Es ist eine heizkörperliche Liebe. Trotzdem! Verliere ich mein Gehör oder schließt das Ventil? Kein Rauschen!
Wenn ich die Backen hier und … Linksgewinde finden häufig dort Verwendung, wo Menschen Dinge nach rechts drehen. Man lernt!
Auf! Auf und Au. Viel! Mit Überraschung gepaart schmerzt es aber nur kurz. Ist das schon Masochismus? Die Fenster beschlagen nur noch innen.
Überhitzter Dampf war es. 10 km Leitungsweg nehmen ihm aber ganz schön den Wind aus den Segeln. Kleine Papierdampfer treiben im Zimmer.
An den Stellen,die noch keine Blasen werfen fühle ich mich warm. Wärmer. Ohne Not sollte man sein Hinterteil so etwas nicht Preis geben.
Es ist immer das interessant, was man nicht hat. Viel zu spät erinnere ich mich an das Linksgewinde. Und die Nachbarn erinnern sich an mich.
Der Abend endet spät. Mit verbrannten Fingern und einer Idee von Orang Utans die mit rotärschigen Pavianen Mambo tanzen. Morgen zieh ich aus.


05.09.2009

Seelenkuchen

von serajaten in Kurzgeschichte

Ich weiß es nicht, stelle aber immer wieder die Behauptung auf, dass Sie gerne backt, tut Sie es doch mit einer Leidenschaft, um die ich Sie beneide. Vielleicht sind es die Zutaten, oder die Art, wie Sie sie vermischt. Denn jeder Ihrer Kuchen schmeckt anders. Es sind eigentlich Kunstwerke, denke ich. Gemacht für einen Augenblick mit Sahne oben drauf. Und einer Tasse Kaffee.

Immer wenn Sie backt, dann gleiten ihre Gedanken an einen Ort, den Sie nicht mit mir teilen kann. Dort toben Gefühle, wie Wirbelstürme und manchmal strahlt die Sonne dort, als müsse sie sich keine Sorgen machen, dass diese Welt jemals verdursten könnte. Wahrscheinlich liegt dort das Geheimnis ihrer Backkunst. Gewürze die in so außergewöhnlichem Klima gedeihen müssen einfach exquisit schmecken. Ohne es zu ahnen würzt sie ihre Kreationen damit. Manchmal lächelt Sie so voller Glück, dass der Teig vor ihr ohne Hefe aufgeht und Ihre Crème brûlée würde dann lieber platzen vor Freude, statt in sich zusammen zu fallen.

Aber es gibt auch die andere Seite. Dann ist Sie so traurig, dass Sie ihre Quarkkuchen direkt aus Milch machen kann, weil diese stockt und von ganz alleine sauer wird. Und alles hat dann einen leichten Hauch Muskat und Bitterkeit. Ja, ich beneide Sie, um dieses ungewöhnliche Talent. Wenn andere Tag für Tag um Ausdruck bemüht sind, ihre Gefühle und Gedanken aber in Glashäuser pferchen, wo sie ihre Nasen platt drücken und sich an den Rissen im Glas selbige blutig schneiden, so dass sie nur aussehen wie Clowns –  in diesen Momenten backt meine Liebe ihre Kuchen, bei 190 Grad und nach dem letzten Schluck Kaffee kann sie schon wieder fröhlich sein.


02.09.2009

Aneinander – Vorbei

von serajaten in Kurzgeschichte

„Warum haben Sie Ihn denn nicht festgehalten?!“

“Festgehalten. Festgehalten! Ich habe Sie festgehalten, in meinen Armen hielt ich Sie.“

„Hören sie mir überhaupt zu? Hallo? Ich habe ihnen eine Frage gestellt!“

„Ich hielt sie, wie ein kleines Kind. Ihre Augen strahlten noch immer so blau, wie damals, als sie noch jung war, als ihre Augen noch jung waren und nicht so trübe durch den Staub der Welt. So ein reines blau. Mein Großmutter hat sie immer beneidet für ihre Augen.“

„Wissen Sie überhaupt, wo sie sich befinden? Wissen Sie, was passiert ist?!“

„Oh ich weiß, ich sollte nicht trauern. So lange wie ihre Füße über diese Erde wandelten. Sie hat mehr ertragen, als man einem Menschen zumuten kann. Vater starb vor 15 Jahren und mein kleines Schwesterchen überlebte nicht einmal die ersten Monate. Dennoch war Sie stark! Stark genug, um mir das Leben zu schenken, mich groß zu ziehen. Ob Sie Glück empfand? Das kleine Glück vielleicht?“

„Sie können von Glück reden, wenn man Sie nicht ins Gefängnis steckt, ist ihnen das überhaupt klar?!“

„85 und immer noch glücklich. Nein, das Leben funktioniert nicht so. Wenn wir älter werden, werden wir jünger. Wir empfinden unsere Sterblichkeit wieder stärker. So wie beim ersten Mal. Man ist weniger Kind, wenn man erkennt, dass das Leben ein Ende hat. Irgendwo. Und diese Erkenntnis kehrt zu uns zurück, egal wie weit wir von ihr weglaufen“

„Wovon zum Teufel reden Sie denn da? Wissen sie, dass man sie wegen unterlassener Hilfeleistung belangen kann? Ist Ihnen denn nicht klar, was hier soeben vorgefallen ist!?“

„Ich glaube Sie wollte es so. Sie war bereit zu gehen, da bin ich sicher. Ich weiß noch, als der Arzt vorschlug noch eine weitere Therapie zu versuchen, da meinte Sie nur: ‚Reisende soll man nicht halten’.“

„Würden Sie mir nun bitte endlich erklären, warum Sie Ihn nicht festhalten konnten? Der Junge war erst 17 Jahre alt, verdammt! Er hatte noch so vieles vor sich!“

„Heute Morgen wollte ich Sie besuchen fahren. Wie jeden Mittwoch. Aber ihr Zimmer war leer. Untersuchungen, dachte ich. Nicht weiter ungewöhnlich. Aber als ich dann in die Augen der Pflegerin sah. Sie musste nichts sagen. Es stand da, in ihren tränenlosen Augen.“

„Noch mal von vorne: Als sie vorhin über den Bahnsteig gegangen sind, war da dieser Junge auf seinem Skateboard. Es gibt Zeugen, die sagen, sein Board wäre ihm unter den Füßen weggerutscht und er wäre gestürzt. Keiner der Befragten gibt ihnen die Schuld. Aber sie hätten ihn halten können!“

„Aber das habe ich doch schon erklärt, Herr Kommissar.“

„Erklärt? Sie haben bisher nicht eine meiner Fragen beantwortet, Himmel noch eins!“

„Doch natürlich. Ich sagte ihnen doch: Reisende – Reisende soll man nicht halten.“


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