07.02.2010

Aus der Bahn!

von serajaten in Kurzgeschichte

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„Aus der Bahn! Aus der Bahn!“, schreit es gellend aus tausend Kindermündern. Wie Möwen schreien sie, in allen Oktaven, unterstützt von Vätern und zögerlicher von Müttern fordern sie das Recht auf freie Fahrt. Das Meer, das sie bevölkern ist weiß. Weich wo es Schnee ist, hart wo der Schnee den Gesetzen der Physik und dem Aggregatszustand weichen, frieren musste. Sie schreien in einem Hunger nach Spaß, unstillbar bis die Müdigkeit ihre Körper an die Schlitten klebt und Väter und Mütter ein Bündel aus verklebten Augen, blauen Fingern und klebrigem Matsch nach Hause karren.

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„In die Bahn! In die Bahn!“, höre ich sie rufen, Koffer hinter sich her zerrend, wie unwillige Straßenköter, die nicht wissen wie ihnen geschieht. Von hier hin nach dort hin eilen sie. Manchen sieht man an, wie gering ihre Chancen sind, ihr Blick hetzt zwischen Ziel und Bremsklotz: Familie, Kinder, Koffer, Kinderwagen, Reisende auf dem Weg, die im Weg sind. Dazwischen immer ein Blinzeln zur Uhr. Sie halten an sich, um nicht wütend alle niederzuschreien, aber sie halten nicht an. Wären sie glücklicher, wenn sie ihr Scheitern erkennen könnten? Es Umarmen? Statt zu hetzen, als würden sie ein Leben verpassen? Es ist nur ein Zug und keine Entscheidung. Züge kann man täglich fällen.

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“, schnauft der Waggon neben mir erleichtert. Er ist angekommen. 280 km/h schnell nahm er die Strecke bis hier her. Nun durfte er verschnaufen. „Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“, schnaufte er Bestätigung und Tadel. Was denkst du, will er mir sagen, wer wird in 10 Minuten wieder die gleiche Strecke zurück nehmen? Und du glaubst du hättest Stress? Du glaubst dein Leben sei eine Einbahnstraße? Ein Weg ohne Zurück?
Hätte ich die Wahl, flüstert er entrüstet, denkst du nicht, ich wäre gern mal auf weniger ausgetretenen Pfaden unterwegs? Mein Weg ist schon so oft gegangen, dass sie ihn aufschütten mussten. Und meine Schritte sind so schwer, dass ich Kilometerweise Stahl unter ihnen fühlen muss. Und mein Onkel, der hat mal versucht auszubrechen. Fand niemand schön! Nennst du das etwa ein Leben? Dieses Hin und zurück!?

„Pfffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffffff“
„Nein, du musst es anders machen.“, sage ich und nehme deine Finger in meine Hände. „Guck. Hier und da muss du den Daumen und die Daumenballen fest zusammen drücken. Erst unten, dann kannst du die Spannung besser kontrollieren.“ Mit deinen kleinen Händen ginge das viel einfacher, fiel mir auf. Meine sind groß und stark, stark genug um einen geliebten Menschen zu halten, ihm Halt zu geben, ihn auch aufzuhalten. Aber für so filigrane Dinge wie Grashalme waren sie inzwischen fast zu klobig. Deine Uhrmacherfingerchen waren dafür eindeutig prädestiniert. Aber dir fehlte die Erfahrung. Erfahrung macht dicke Finger gelenkig. Erfahrung sorgt dafür, dass wir über manches nicht mehr nachdenken. Unsere großen Finger zum Beispiel. Und unser Leben. Aber manchmal konfrontiert uns dieses auch mit etwas neuem. Menschen mit kleinen Händen, die mal nur eine Idee waren in den Köpfen von Menschen mit großen Händen. Und dann fällt uns wieder ein, wie man Grashalme halten muss, damit sie quietschen, wenn man auf sie bläst.


18.01.2010

Orang Utan auf Borneo

von serajaten in Gaga, Kurzgeschichte

Mein erster und vielleicht letzter Twittertext ;)

Das Heißwasser in der Steigleitung klingt nach Niagara und weckt Gedanken an Borneo.
Irgendwie hat es die Wasserpumpenzange in meine Hand geschafft.
Borneo, hör ich es hinter meiner Stirn hallen. Borneo, immer wieder Borneo!
In Borneo dampft es, denke ich. Da dampft es, weil es so warm ist. Im Dschungel, nach dem Regen, während des Regens. Es dampft in Borneo!
Und die Affen, die wissen das Borneo ne Insel ist. Die tanzen da. Auf Borneo. Im Dampf. Weil es da keine Tiger gibt. Wasserscheues Pack!
Auf Sumatra gibt es Tiger. Da haben die Affen das Tanzen verlernt. Das ändert sich, wenn die Tiger fliegen lernen.
Die Wasserpumpenzange, was wollte ich noch mal mit der Wasserpumpenzange? Wie bin ich jetzt so schnell von Sumatra hier her gekommen?
Ich habe schon Fotos gesehen, von Pavianen in heißen Quellen. Mitten im Winter. Und wieder dampfte es. Warum ist es nur so kalt auf Borneo?
Stufe 2 war Niagara, Stufe 5 gleicht dem Geräusch des Atlantiks, wenn jemand den geheimen Stöpsel zieht. Soll schon passiert sein. Gluuuuck.
Auf Borneo nennt man das mild. Aber mehr gibt die Heizung eben nicht her. Keine Affenhitze hier. Das muss besser gehen!
Wie ein Ahne erkunde ich die Möglichkeiten eines neuen unvertrauten Werkzeugs. Draufschlagen funktionierte schon nach 2 Sekunden. Erfolg = 0
Ich beneide die Orang Utans, sowohl auf Borneo, als auch Sumatra. Trotz der Tiger, die ihnen das Fell über die Ohren ziehen könnten. Fell.
Felle sind warm. Aber sie können einem davon schwimmen, v.a. wenn man natürlicherseits nicht dauerhaft mit ihnen ausgestattet wurde!
Ob Orang Utans jemals Felle davon geschwommen sind ist wissenschaftlich nicht belegt. Anders sehen es da die Tiger auf Sumatra.
In meiner Verzweiflung habe ich das Fenster geöffnet, um den Thermostat im Heizungsgriff das letzte Quentchen Öffnung rauszubetteln. Kalt!
130 Grad. Bei 130 Grad ist Dampf überhitzt. Da ich das weiß, bin ich nicht zufrieden. Meine Fertigkeiten mit der Zange nehmen rapide zu.
Ich liebe diesen Heizkörper. Es ist eine heizkörperliche Liebe. Trotzdem! Verliere ich mein Gehör oder schließt das Ventil? Kein Rauschen!
Wenn ich die Backen hier und … Linksgewinde finden häufig dort Verwendung, wo Menschen Dinge nach rechts drehen. Man lernt!
Auf! Auf und Au. Viel! Mit Überraschung gepaart schmerzt es aber nur kurz. Ist das schon Masochismus? Die Fenster beschlagen nur noch innen.
Überhitzter Dampf war es. 10 km Leitungsweg nehmen ihm aber ganz schön den Wind aus den Segeln. Kleine Papierdampfer treiben im Zimmer.
An den Stellen,die noch keine Blasen werfen fühle ich mich warm. Wärmer. Ohne Not sollte man sein Hinterteil so etwas nicht Preis geben.
Es ist immer das interessant, was man nicht hat. Viel zu spät erinnere ich mich an das Linksgewinde. Und die Nachbarn erinnern sich an mich.
Der Abend endet spät. Mit verbrannten Fingern und einer Idee von Orang Utans die mit rotärschigen Pavianen Mambo tanzen. Morgen zieh ich aus.


05.09.2009

Seelenkuchen

von serajaten in Kurzgeschichte

Ich weiß es nicht, stelle aber immer wieder die Behauptung auf, dass Sie gerne backt, tut Sie es doch mit einer Leidenschaft, um die ich Sie beneide. Vielleicht sind es die Zutaten, oder die Art, wie Sie sie vermischt. Denn jeder Ihrer Kuchen schmeckt anders. Es sind eigentlich Kunstwerke, denke ich. Gemacht für einen Augenblick mit Sahne oben drauf. Und einer Tasse Kaffee.

Immer wenn Sie backt, dann gleiten ihre Gedanken an einen Ort, den Sie nicht mit mir teilen kann. Dort toben Gefühle, wie Wirbelstürme und manchmal strahlt die Sonne dort, als müsse sie sich keine Sorgen machen, dass diese Welt jemals verdursten könnte. Wahrscheinlich liegt dort das Geheimnis ihrer Backkunst. Gewürze die in so außergewöhnlichem Klima gedeihen müssen einfach exquisit schmecken. Ohne es zu ahnen würzt sie ihre Kreationen damit. Manchmal lächelt Sie so voller Glück, dass der Teig vor ihr ohne Hefe aufgeht und Ihre Crème brûlée würde dann lieber platzen vor Freude, statt in sich zusammen zu fallen.

Aber es gibt auch die andere Seite. Dann ist Sie so traurig, dass Sie ihre Quarkkuchen direkt aus Milch machen kann, weil diese stockt und von ganz alleine sauer wird. Und alles hat dann einen leichten Hauch Muskat und Bitterkeit. Ja, ich beneide Sie, um dieses ungewöhnliche Talent. Wenn andere Tag für Tag um Ausdruck bemüht sind, ihre Gefühle und Gedanken aber in Glashäuser pferchen, wo sie ihre Nasen platt drücken und sich an den Rissen im Glas selbige blutig schneiden, so dass sie nur aussehen wie Clowns –  in diesen Momenten backt meine Liebe ihre Kuchen, bei 190 Grad und nach dem letzten Schluck Kaffee kann sie schon wieder fröhlich sein.


02.09.2009

Aneinander – Vorbei

von serajaten in Kurzgeschichte

„Warum haben Sie Ihn denn nicht festgehalten?!“

“Festgehalten. Festgehalten! Ich habe Sie festgehalten, in meinen Armen hielt ich Sie.“

„Hören sie mir überhaupt zu? Hallo? Ich habe ihnen eine Frage gestellt!“

„Ich hielt sie, wie ein kleines Kind. Ihre Augen strahlten noch immer so blau, wie damals, als sie noch jung war, als ihre Augen noch jung waren und nicht so trübe durch den Staub der Welt. So ein reines blau. Mein Großmutter hat sie immer beneidet für ihre Augen.“

„Wissen Sie überhaupt, wo sie sich befinden? Wissen Sie, was passiert ist?!“

„Oh ich weiß, ich sollte nicht trauern. So lange wie ihre Füße über diese Erde wandelten. Sie hat mehr ertragen, als man einem Menschen zumuten kann. Vater starb vor 15 Jahren und mein kleines Schwesterchen überlebte nicht einmal die ersten Monate. Dennoch war Sie stark! Stark genug, um mir das Leben zu schenken, mich groß zu ziehen. Ob Sie Glück empfand? Das kleine Glück vielleicht?“

„Sie können von Glück reden, wenn man Sie nicht ins Gefängnis steckt, ist ihnen das überhaupt klar?!“

„85 und immer noch glücklich. Nein, das Leben funktioniert nicht so. Wenn wir älter werden, werden wir jünger. Wir empfinden unsere Sterblichkeit wieder stärker. So wie beim ersten Mal. Man ist weniger Kind, wenn man erkennt, dass das Leben ein Ende hat. Irgendwo. Und diese Erkenntnis kehrt zu uns zurück, egal wie weit wir von ihr weglaufen“

„Wovon zum Teufel reden Sie denn da? Wissen sie, dass man sie wegen unterlassener Hilfeleistung belangen kann? Ist Ihnen denn nicht klar, was hier soeben vorgefallen ist!?“

„Ich glaube Sie wollte es so. Sie war bereit zu gehen, da bin ich sicher. Ich weiß noch, als der Arzt vorschlug noch eine weitere Therapie zu versuchen, da meinte Sie nur: ‚Reisende soll man nicht halten’.“

„Würden Sie mir nun bitte endlich erklären, warum Sie Ihn nicht festhalten konnten? Der Junge war erst 17 Jahre alt, verdammt! Er hatte noch so vieles vor sich!“

„Heute Morgen wollte ich Sie besuchen fahren. Wie jeden Mittwoch. Aber ihr Zimmer war leer. Untersuchungen, dachte ich. Nicht weiter ungewöhnlich. Aber als ich dann in die Augen der Pflegerin sah. Sie musste nichts sagen. Es stand da, in ihren tränenlosen Augen.“

„Noch mal von vorne: Als sie vorhin über den Bahnsteig gegangen sind, war da dieser Junge auf seinem Skateboard. Es gibt Zeugen, die sagen, sein Board wäre ihm unter den Füßen weggerutscht und er wäre gestürzt. Keiner der Befragten gibt ihnen die Schuld. Aber sie hätten ihn halten können!“

„Aber das habe ich doch schon erklärt, Herr Kommissar.“

„Erklärt? Sie haben bisher nicht eine meiner Fragen beantwortet, Himmel noch eins!“

„Doch natürlich. Ich sagte ihnen doch: Reisende – Reisende soll man nicht halten.“


12.05.2009

Mona Lisa

von serajaten in Kurzgeschichte

Ich war das erste Mal 2007 in Paris. Wie das eben so läuft, wenn man eine neue Stadt besucht und zu wenig Zeit hat, hetzte ich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Am Ende des dritten Tags warf ich einen Blick in meinen Terminkalender und begann mit traurigem Blick aus den verbliebenen Urlaubstagen Termine zu streichen.
Übrig blieben, ein Spaziergang an der Seine und der Besuch des Louvre. Als ich am nächsten Morgen die Vorhänge meines Hotelzimmerfensters zur Seite schob, begrüßte mich ein trister Morgen mit Bodennebel und Nieselregen. Ich kämpfte mühsam gegen den Drang an, mich wieder schlafen zu legen und beschloss spontan den Spaziergang am Fluss auf den nächsten Tag zu verschieben und stattdessen meinen Museumsbesuch vorzuziehen.
Im Frühstücksraum des Hotels war ich der einzige Gast und so konnte ich in aller Ruhe zwei Croissant essen und bei einer Tasse Kaffee in den Plänen der Metro die richtige Untergrundbahn suchen. Ich ging nur noch einmal kurz zurück in mein Zimmer um meine Kameratasche einzupacken, dann machte ich mich auf den Weg.

Zuerst wunderte ich mich, dass die Metro fast leer war, aber dann fiel mir ein, dass ja Sonntag war und außerdem erst kurz nach acht Uhr morgens. So hat es mich auch nicht mehr sonderlich überrascht, dass das Museum ebenfalls so gut wie leer war.
Die einzigen Menschen, die mir sonst noch auf den Gängen des Louvre über den Weg liefen, waren Museumsangestellte. Und natürlich eine große Gruppe historischer Gestalten aus Stein oder Ölfarben. Auf meinem Weg traf ich Albrecht Dürer und die drei Schönheiten, die Medusa und die Besatzung des Narrenschiffs.
Meine letzte Etappe brachte mich dann in die Gesellschaft der wunderschönen Mona Lisa.
Ihr sanftes Gesicht hatte eine beruhigende Wirkung auf mich, so dass ich mich kurz entschlossen vor sie auf den Boden setzte. Da vom Ansturm der Besucher immer noch nichts zu sehen oder zu hören war, konnte ich mir erlauben, ihre Gestalt eingehender zu betrachten. In ihrem vergoldeten Rahmen strahlte sie eine Gelassenheit aus, die man in der heutigen Zeit nur mehr in Apotheken erhalten konnte! Nichts vom hektischen Leben der Moderne, mit ihrem Overkill an Kommunikation, zeigte sich auf ihrem Gesicht. Wäre ich nicht so beherrscht, hätte ich fast Neid empfunden.
Mein Blick löste sich sehr zögerlich von ihren Lippen, nur um sofort von dem kecken Ausdruck in ihren Augen gefangen zu werden. Es fiel mir schwer, mich dem oberen Bildrand und den Ausläufern des Rahmens zu widmen, doch dann gelang es einem überraschenden Detail meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein überdimensionierter Nagel stach wenige Zentimeter über dem vergoldeten Rahmen aus der Wand. Selbst als Laie erkannte ich sofort, dass ein Bild von der Größe dieses da Vincis niemals so schwer sein konnte, um eine derart stabile wie entstellende Befestigung zu rechtfertigen! Eine bisher unberührt gebliebene Ahnung von Ästhetik fühlte sich verletzt und forderte eine Rechtfertigung, nein, Satisfaktion!
„Sie haben den Nagel bemerkt, habe ich Recht?“, vernahm ich eine Stimme hinter mir. Einer der Wachleute des Louvre hatte meine Versenkung ausgenutzt, um sich unbemerkt anzuschleichen. „Ich muss Sie beglückwünschen! Nur die wenigsten Besucher bemerken dieses Detail überhaupt. Bei vollem Betrieb ist das Museum so hektisch wie ein Bienenstock im Frühling. Nun…zumindest dieser Bereich. Da bleibt kaum Zeit für mehr als einen flüchtigen Blick und vielleicht ein heimliches Foto. Immerhin ist die Mona einer unserer berühmtesten Gäste!“
„Schleichen Sie sich immer so an harmlose Besucher an?“, wollte ich von dem Mann wissen. „Mir ist um ein Haar das Herz stehen geblieben!“ Natürlich übertrieb ich maßlos, aber der Schreck saß mir immer noch in den Knochen. Ich fühlte mich ertappt, wie damals als Teenager, mit meiner ersten richtigen Freundin. Der Wachmann überging meinen halbherzigen Protest und fuhr unbeirrt fort: „Das Gemälde der Mona Lias ist eines von da Vincis kleinsten Kreationen. Selbst in diesem massiven Edelholzrahmen wiegt das Bild nicht mehr als 2,3 Kilogramm. Das klingt normal, nicht wahr? Ja. Aber trotzdem….“
Seine verschwörerische Sprechpause reizte mich. Immerhin: erst wollte er mich umbringen und dann sollte ich noch seine Märchenstunde mitmachen? Wäre ich nur nicht so schrecklich neugierig! „Trotzdem was?“, erlöste ich den Mann endlich.
„In jedem Jahr, seit die schöne Mona hier hängt, musste das Kuratorium größere und stabilere Nägel zu ihrer Befestigung anbringen. Ein paar Direktoren hielten das für ein Hirngespinst und ließen das Bild von Wissenschaftlern vermessen und erhielten allesamt die gleiche Antwort: 2,3 Kilogramm. Sie unterließen es, die Nägel zu verstärken und nach wenigen Monaten passierte es dann immer – die Mona fiel von der Wand und plumpste zu Boden. Ihr Rahmen nahm dabei immer einige Dellen mit und musste aufwendig restauriert werden. Aber sie haben es gelernt. Seither werden die Nägel und Dübel immer größer und robuster. Leider auf Kosten des ästhetischen Moments.“ Er hatte kaum zu Ende gesprochen und blickte mich erwartungsvoll an, als wollte er meine Gedanken erraten, als es aus mir heraus quoll wie Wasser aus einem kartesischen Brunnen. Ich lachte. Ich lachte so laut und herzhaft, wie schon lange nicht mehr und genoss jede Sekunde davon! Es müssen fünf oder mehr Minuten gewesen sein, in denen ich nichts anders tun konnte als zu lachen, bis ich endlich wieder in der Lage war zu sprechen. „Das ist wirklich ein großartiges Märchen, mein Herr.“, meinte ich während ich bemüht war, mir Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen. „Aber erklären Sie mir doch bitte, wieso das Bild Ihrer Meinung nach so schwer wird?! Glauben sie etwa, Madame Mona hätte über die Jahrhunderte zugenommen?“
„Non, non, non, mon ami.“, erwiderte der Wächter entrüstet. „ich denke, dass die Mona auch weiterhin 2,3 Kilogramm wiegt Monsieur. Aber was zugenommen hat, über all die Jahre anwuchs, das waren die Erwartungen derer, die sie gesehen haben!“ Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Hätte ich erst an einen fabelhaften Scherz gedacht, so überraschte mich nun die Ernsthaftigkeit der vorgebrachten These zutiefst.
„Eh oui! Mona ist eine der faszinierendsten Personen die ein Künstler je geschaffen hat. Ich arbeite nun schon seit über 20 Jahren im Louvre und zu schildern, was meine Augen hier alles gesehen haben, würde Tage dauern. Manche Männer hinterlassen ihr Rosen, wenn Sie sie besuchen kommen, andere weinen Tränen des Glücks bei ihrem Anblick!
Wir Menschen neigen dazu, Bilder mit Bedeutungen zu überladen. Klar. Bilder, auch Sinnbilder, sind leichte Beute, können sie sich doch nicht dagegen zur Wehr setzen. Glauben Sie etwa eine echte Mona Lisa wäre mit dem Ruhm und der Berühmtheit fertig geworden, den alle Welt ihr über die Jahrhunderte zuteil werden ließ? Oder wäre sie nicht eher traurig geworden und verbittert, ob der vielen gebrochenen Herzen, die sie indirekt verursacht hatte? Was wäre wohl tatsächlich in ihren Augen zu lesen, wüsste sie von all dem?
Solcher Art Erwartungen wiegen schwerer, als ein wenig Holz, oder Leinwand und Farbe. Oder sehen Sie das anders?“ Mit diesen Worten fasste er sich an die Krempe seines Huts und ging ohne ein Grußwort davon.

Ich aber saß noch über eine Stunde am Boden und musterte die Mona bis die ersten Besucherströme mich nach draußen spülten. Seit jenem Tag gehe ich mit anderen Augen durch die Welt. Besonders in Kirchen wie dieser wird mir deutlich, wie wahr die Worte des Wächters doch waren. Wir Getaufte, wir Christen beten doch zu einem Menschen, den wir den Sohn Gottes nennen, dessen Sinnbild wir aber nur ans Kreuz genagelt in unsere Gebetsräume hängen. Und jedes Mal, wenn ich eine mir unbekannte Kirche betrete, wundere ich mich, wie klein die Nägel in seinen Händen und Füßen noch immer sind. Trotz der 2000 Jahre, in denen wir es nicht gewagt haben ihn endlich von dort zu befreien, um ihn stattdessen weiter mit unseren Gebeten, unseren Wünschen und Erwartungen zu behängen und durch sein Leiden das Leid anderer zu rechtfertigen. Aber vielleicht haben diese Nägel ja einen anderen Zweck. Denn manchmal haben Sinnbilder auch den Drang einfach wegzulaufen – wenn sie nichts daran hindert.


01.04.2009

Berichtsheft für diese Woche ;)

von serajaten in Kurzgeschichte

Montag:
Uff… schon wieder Montag. Die ganze Welt ist nur Montag. Ich hasse Montage! Wie ich aus dem Bett kam hatte ich bereits vergessen, als ich den ersten Schritt ins Badezimmer tat. Im Spiegel begrüßte mich ein Gesicht, dass nicht meines war. Mein Mitbewohner war sichtlich nicht erfreut, dass ich ihn aus der Dusche gesprengt hatte! Wortkarg drehte ich mich um, furzte resigniert und begab mich in Richtung Kleiderschrank. Erst als ich wieder in mein Zimmer kam, bemerkte ich, dass ich dort nicht alleine war! Wo sonst eine kleine Kuhle als Abdruck in meiner Matraze zu sehen war, beulte sich deutlich – viel zu deutlich – ein menschlicher Körper unter der Bettdecke. Panisch überlegte ich, ob ich gestern Nacht in der Disko oder im Nilpferdhaus weg gegangen war. Kam aber dann zu dem Schluss, dass alles besser war, als die Wahrheit und packte daher meine Sachen. Ab zur Arbeit! Als ich das Haus verließ, fiel mir auf, dass ich gar nicht zu Hause war. Scheiß Ikea-Möbel!

Dienstag:
Nachdem ich heute aufgewacht war, stellte ich fest, dass meine Freundin einen Steifen hatte. Hals meine ich natürlich. Als ich diesen wegmassiert hatte, ging ich ins Badezimmer, um mich von überschüssiger Körperbehaarung zu befreien und einen Menschen aus mir zu machen. Müde wie ich war entglitt mir ständig die Zahnbürste. Aber Autofahren, Autofahren geht immer!
Mit leicht verschwommener Sicht – ich hatte versehentlich Zahncreme auf die Kontaktlinsen getropft – fuhr ich in die Arbeit. Ohne von der Polizei gemaßregelt zu werden kam ich pünktlich dort an! Das Büro war glücklicherweise noch leer, als ich dort aufschlug und so konnte ich mich erst mal wieder eine Stunde aufs Ohr hauen. Ich hörte damit auf, als es anfing weh zu tun. Den Rest des Tages füllte ich mit Arbeit.

Mittwoch:
Nachdem ich heute Morgen etwas später aufgewacht bin, als geplant war, musste ich die Zeit im Badezimmer etwas verkürzen. Gott sei Dank gibt es Deo! Danach kümmerte ich mich darum, meinen Körper mit Kleidung nachzuversorgen. Es ist schon eine Krux mit den verschiedenen Sockenfarben! Als ich mich zur Zufriedenheit meiner Selbst und hoffentlich auch aller Mitmenschen eingekleidet hatte, begab ich mich außer Haus und fuhr mit dem Fahrrad in die Arbeit. Zwischendurch hielt ich noch bei einer Bäckerei, um mich einem Stück Erdbeer-Rabarber-Streusel-Kuchen zu widmen. Nachdem ich schließlich den anstrengenden Weg zum Aufzug hinter mir gelassen hatte – ich fühle jedes Mal mit diesem Gerät, wenn es mich nach oben trägt – kümmerte ich mich darum, die Luft aus meiner Kaffeetasse zu lassen.

Donnerstag:
Edding! Edding war das erste, was ich heute sah und dachte. Gestern war es feucht-fröhlich zugegangen im Büro und ich konnte und wollte mich nicht erinnern, wie es dazu kam, dass ich am ganzen Körper schwarz angemalt in meinem Badezimmer stand. Nach dem ersten Kontakt zu Wasser und Seife wusste ich: Edding!
Als ich anfing mich schwarz zu ärgern, erkannte ich die Sinnlosigkeit dieser Tat und begab mich zu meinem Kleiderschrank. Der weiße Smoking, der seit Jahren dort vor sich hinstaubte kam mir nun sehr verlockend vor. Ich streifte ihn über und machte mich auf den Weg zu meinen lieben Kollegen. Im Büro angekommen erwartete mich ein voller Müllkübel. Edding, permanent. Das letzte Wort hätten sie sich sparen können. 50 extra breite Stifte lagen dort drin. Alle leer! War heute nicht der Tag meiner Jahresbewertung? Nun, der Chef würde sich wundern!

Freitag:
Wer hätte gedacht, dass ich diese Woche überleben würde. Dabei war sie eigentlich gar nicht so besonders. Abgesehen von einigen unerwarteten Wendungen, verlief sie genau, wie ich sie geplant hatte. Gott sei Dank ist Freitag! Dies war mein erster ehrlicher Wochenbericht.

Nürnberg, den 1. April 2009


14.03.2009

Tafelkreidezeit

von serajaten in Kurzgeschichte

Ja ist es denn tatsächlich wahr? Endlich wieder eine Geschichte aus meinem Gehirn exportiert!? Ums vorweg zu sagen, eigentlich ist das hier eine Hausaufgabe. Der Literaturstammtisch hat letztes Wochenende mal wieder getagt, wenn auch deutlich unterbesetzt und wir haben uns auf eine kleine Übungsaufgabe geeinigt. Viel Vergnügen also!
(Möchten sie mehr erfahren?)


04.02.2009

Jetzt halt mal die Luft an!

von serajaten in Kurzgeschichte

“Wie lange diesmal Papa?”
“So lange wie du kannst, mein Sohn – so Gott der Herr will!”
“Ja Papa, ich werde es tun, dir und dem Herrn zur Ehre.”
(5 Minuten 34 Sekunden später – oder wie man damals die Zeit maß)
“Wie lange – *keuch* – war es – *keuch* – diesmal, Papa?!”
“Ich fürchte – nicht lange genug, Jafet. Gott ist zwar mächtig, es würde mich aber wundern, wenn seine Sintflut so schnell vorbei wäre.”
“Dann müssen wir doch ein Boot bauen, Papa?”
“Ja, mein Sohn, wir bauen doch ein Boot.”


22.11.2008

Herr Raummann

von serajaten in Kurzgeschichte

Hallo, mein Name ist Thomas Raummann. Sie kennen mich nicht? Puh! Das ist vermutlich das größte Kompliment, das Sie mir heute machen konnten…
Wie bitte? Filmstar? Nein,…schlimmer!
Pardon? Ob ich Sie was? Aufziehen? Um Himmelswillen, nein!
Das ist ein Missverständnis. Wissen Sie, genau genommen bin ich auf der Flucht. Hm? Dr. Kimble? Ford wer…? Sagte ich nicht gerade eben, dass ich kein Schauspieler bin?
Darf ich nun weiter sprechen? Danke.
Wo war ich stehen geblieben? Ah ja, genau. Auf der Flucht!
Hm? Sie haben Recht. Es ist leichtsinnig Ihnen zu verraten, dass ich auf der Flucht bin, ja. Und auch den ganzen Rest sollte ich eigentlich für mich behalten, wenn ich genauer darüber nachdenke. Aber wenn ich Sie heute Abend verlasse und durch diese Tür dort drüben gehe, werde ich ein ganz anderer Mensch sein, als ich es vorher war. Zumindest in Ihrer Vorstellung.
Woher ich mir da so sicher bin? Nun, erstmal: Sie sind eine Frau. Und zum Zweiten: So war es schon immer! (Möchten sie mehr erfahren?)


19.11.2008

Mein Hut

von serajaten in Kurzgeschichte

“Das ist mein Hut!”, sagte ich mehr zu mir selbst, als zu dem Dreistling, der ihn sich gerade eben nehmen wollte. Dann wandte ich mich ihm zu und wiederholte es. Nur für ihn.
“Oh, entschuldigen Sie, ich dachte es wäre meiner. Aber ich sehe jetzt, dass der Hut mir nicht passt.”, erwiderte er freundlich, griff sich den kleineren Hut, der meinem nicht im geringsten ähnlich sah und ging.

Das ist so eine Sache, mit meinem Hut. Lange Zeit hatte er meinem Vater gehört. Er ist ein Erbstück, wenn man so sagen wollte. Aber Vater lebte natürlich noch. Er entschloss sich nur, seinen Lebensmittelpunkt auf das Altenteil zu verlegen. Pension im reiferen mittleren Alter hatte Vorteile. Man konnte noch genießen, was man sich erarbeitet hatte und war nicht zu senil, um das Leben an und für sich nicht genießen zu können.
Für viele alte Männer gleiten die Tage nur so dahin, kaum unterscheidbar zwischen Tag und Nacht. Vater war da anders.
Hier und da besuchte er mich in der Arbeit. Dann betrachtet er seinen alten Hut, wie er seinen jungen Sohn schmückt und denkt sich etwas. Aber er sagt mir nie, welche Gedanken er dann wälzt. Nur einmal deutete er etwas an.
“Wenn du so weit bist, deinen Hut zu geben, dann wirst du wissen worum es geht, Sohn.” und er lächelte, aber es war auch eine Spur Gewürz in seinem Lächeln, es war ein Ingwerlächeln. Erfrischend aber scharf.

Jeden Sonntag bin ich hier und trinke Wiener Melange. Ich mag Kaffee. Er macht mich nicht wach, er weckt keine Geister, aber er schmeckt mir. Mir schmeckt nichts besser, als Wiener Melange. Sonntag schmeckte nach Wiener Melange.
Schon morgens beim Aufstehen und abends, wenn ich zu Bett ging hatte ich ihr Aroma auf den Lippen und in der Nase. Mutter mochte sie auch. Mutter.
Mutter starb, als ich das Licht der Welt erblickte. Sicherlich glaubt der geneigte Leser ich würde phantasieren, aber ich weiß genau, das Mutter diese Sorte mochte. Und Mutter mochte Sonntage.

Da! Schon wieder! Diesmal war es eine Dame, die verstohlen blickend einen Griff an meinen Hut riskierte. Doch ich war wachsam. Niemand durfte ihn mir nehmen. Es gab schließlich Gesetze und in diesem Fall waren die Strafen hart!
Ich räusperte nur, was der gnädigen Frau Anlass genug war nur nach ihrem Sonnenschirm zu greifen und das Café zu verlassen. Von all denen, die ich schon auf frischer Tat ertappte, war kein einziger dabei, dem mein Hut gepasst hätte. Hüte tragen Verantwortung, Menschen tragen Hüte. So war das schon immer.
Woran es liegen mochte, dass die Leute so erpicht auf meinen Hut waren? Sie ahnten nicht, was sich alles unter ihren Köpfen verbergen würde, täte er ihnen passen. Und allen anderen würde er die Sicht nehmen in ihrem Wahn oder vom Kopf fallen und auf die Zehen, was nicht minder schmerzhaft wäre.

Nun, der letzte Schluck aus der Tasse, mit viel Zucker, ich rührte nie stark und einer kleinen Sahnehaube oben auf. Schluss mit Müßiggang, die Arbeit wartet!
“Ober bitte zahlen!”, rief ich den Kellner heran.
“Sehr wohl, Exzellenz.”, antwortete der Mann, der rasch an meinen Tisch geeilt war.
“Die Rechnung wurde bereits beglichen, Exzelenz.” sagte er gleich danach.
“So?” Ich war skeptisch.
“Ja, Exzellenz. Ihr wehrter Vater hat sie für Sie beglichen.”
Ich war überrascht, Vater hier? “Wann war er hier, sprich Mann, sprich!”
“Exzellenz. Eure Vater beglich sie, als er meinem das Leben rettete. Damals im Krieg.”, erwiderte der Kellner verlegen.
“Oh.” blieb mir zu sagen. Dann erhob ich mich und klopfte dem Kellner beim Gehen auf die Schulter.
Ich nahm meinen Hut. Allerlei Stoff hing daran.
Ich sollte mir etwas einfallen lassen. Kleiderhaken waren vielleicht nicht das richtige für ihn.
Vorsichtig zupfte ich einen seidenen Schal von einer Spitze. Und wollene Handschuhe von einer anderen. Es war ein versehen, das war klar. Niemand würde es wagen, die Krone des Königs absichtlich zu verschandeln. Niemand. Niemals. Vater hatte dafür gesorgt.


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