Yes they can

„Als ich die Augen öffnete blendete mich das weiß gerader und spitzwinkliger Flächen.  Selbst beim Blick steil gen Himmel verlor die Landschaft nichts von ihrer Gleichförmigkeit. Alles rund um mich herum glänzte mit derselben Intensität und raubte mir jede Möglichkeit der Orientierung. Bis auf das stetige Rauschen des Windes in das sich immer wieder das Flüstern unbekannter Stimmen einschlich, konnte ich nicht das Geringste hören. Und das Einzige was ich fühlte war Kälte.
Jene Art von Kälte, die jede Gegenwehr im Keim ersticken konnte. Man musste wirklich einen unbeschreiblichen Überlebenswillen besitzen, um in dieser Eiseskälte auch nur eine Minute lang zu überleben. Ich hatte ihn nicht. Was ich mitbrachte war nackte zitternde Panik.

So stolperte ich durch diese gefrorene Hölle ohne zu wissen wohin ich wirklich lief. Keines vernünftigen Gedankens fähig.  Alles was ich fühlte war ein nicht enden wollendes

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!

Wie ein Ertrunkener griff ich nach jedem Strohhalm ohne nachzudenken und fand Rettung in einem Schatten. Was hätten Sie getan, in einer Umwelt in der die einzigen Farben an ihnen selbst hafteten! Noch dazu hatten Teile meines Körpers angefangen sich der Farbe anzupassen, was zu der schmerzhaften Erkenntnis führte, das ich langsam aber sicher erfror!

Bedrohlicher konnte ein Schatten kaum wirken, selbst wenn er beim Näherkommen deutlich massiver wurde.  Vor mir erhob sich ein Turm, an dessen Fuß etwas Glänzendes meine Aufmerksamkeit an sich zog. Es war nicht weit entfernt und als ich davor stand, sah ich eine leuchtende Pforte, die nur auf mich gewartet haben musste. Als ich sie durchschritten hatte umfing mich sofort ein warmer Windhauch und zum ersten Mal hörte ich meinen eigenen Atem und nicht das wütende Lärmen des Sturms in meinen Ohren.

In Sicherheit!

Mein Blick konnte sich nicht vor dem eisigen Wüten losreißen. Und so entdeckte ich diesen roten Schemen, der direkt auf mich zu hielt. Rettung? Aber wie erklärte sich dann, dass ich plötzlich das Gefühl hatte Beute zu sein?! Alle Muskeln in meinem Körper waren angespannt und ich wollte nur noch hier weg. Der rote Schemen war unglaublich schnell und seine zielgerichtete Bewegung sagte mir genug. Was immer da auf mich zu kam – es war hungrig und es war auf der Jagd!

Ohne Vorwarnung gellte ein Alarmton auf und rote Lampen flammten stroposkopartig auf. Als hätte ich noch einer weiteren Warnung bedurft! Inzwischen stand ich in der hintersten Ecke des kleinen Raums und versuchte größtmöglichen Abstand zwischen mich und die Pforte zu bringen. Nicht das das irgendwie genützt hätte. Wie gebannt starrte ich dem jagenden Schatten vor mir entgegen, unfähig mein Schicksal zu akzeptieren und die Augen zu verschließen.

Das erste klare Bild des Dings war sein riesiges aufgerissenes Maul, das zielstrebig und unaufhaltsam auf mich zu raste. Die Augen des Monstrums lagen so tief in seinem Schädel verborgen, dass es fast den Eindruck erweckte keine zu besitzen und statt Fell oder Haut zeichneten sich nur nackte Muskelfasern und Knochen unter einer dunkelroten Schicht getrockneten Blutes. Kurz bevor es mich erreichen konnte hörte ich ein bedrohliches Zischen und mit enormer Geschwindigkeit fuhren Glasplatten in den Spalt der mir vorher als Tür gedient hatte.

Das Untier brach seinen Angriff jedoch nicht ab, vermutlich hatte es sogar nichts davon bemerkt und krachte mit der vollen Wucht seiner Attacke gegen das durchsichtige Hindernis. Ich hörte ein unnatürliches brüllen und im gleichen Augenblick das Brechen massiver Knochen. Aber das Ding ließ ich davon nicht in seiner Raserei bremsen. Immer und immer wieder rammte es seinen Leib gegen die massive Glaspanzerung. Kein Tier würde so etwas tun.

In all dem Chaos bemerkte ich mehr zufällig, dass dieses Monstrum einen schmutzig weißen Umhang hinter sich her schleppte. Es war sein Fell, das nur noch am Rücken und Teilen der Hinterläufe mit dem Körper verbunden schien, als hätte es vor sich zu entpuppen. Und da erkannte ich auch, womit ich es zu tun haben musste. Das Ding dort musste einmal ein Eisbär gewesen sein!

Irgendwo im Inneren des Turms waren Mechanismen erwacht, denn im selben Moment setzte sich der Raum nach oben in Bewegung und ich wusste nun auch, worin ich saß. Es war ein Fahrstuhl. Dort angekommen glitt die Tür geräuschlos auseinander. Der Raum den sie freigab lag im Halbdunkel versteckter kleiner Lichtquellen, die von elektronischen Geräten stammen musste. Als ich nach draußen trat kam Leben in die Maschinerie und ein riesiger Bildschirm erwachte  aus seinem Dornröschenschlaf.

Er zeigte das Bild eines militärisch gekleideten Mannes, der auch sofort zu sprechen begann.

„Wer immer diese Nachricht hört soll wissen, dass die hier versammelten Menschen den Kampf gegen die Apokalypse verloren haben. Wir haben alles getan, aber wir konnten den Monstern nichts entgegensetzen. Unsere Wissenschaftler hielten die ersten Fälle von Mutationen erst für eine neue aggressive Form der Tollwut, aber sie irrten sich.  Ergriff diese Raserei zunächst kleinere Säugetiere und Vögel, war dies doch nur der Anfang von etwas, dem wir hilflos gegenüber standen.

Wir erkannten viel zu spät, was vor sich ging und flüchteten uns in diesen Laborkomplex in der einsamsten Region der Erde. Aber von einem Tag auf den anderen verloren wir den Kontakt zum Rest der Zivilisation, unsere Funksprüche wurden nicht mehr beantwortet und es kamen auch keine Versorgungsteams mehr. Dann kamen die Bären und es kostete uns vier Außenteams, ehe wir erkannten, dass wir selbst nun ebenfalls zur Beute geworden waren. Wir verschanzten uns hier oben, doch die Sicherheit war trügerisch.

Es waren die verdammten Pinguine, die uns zeigten, dass wir verloren hatten. Sie kamen über das Eis in riesigen Schwärmen und innerhalb einer einzigen Nacht war das Gebiet um den Turm vollständig von ihnen umringt. Die schwarze Fläche reichte bis zum Horizont!

Tag und Nacht blieben sie um den Turm versammelt und warteten, als hätten sie alle Zeit der Welt.  Wir hätten uns nicht mehr irren können! Was dort unten geschah war Evolution!“

An dieser Stelle flackerte das Bild und aus den Lautsprechern war weißes Rauschen zu hören. Ich bekam Gänsehaut und versuchte in die vielen Schatten zu spähen, die sich nun bedrohlich verdichteten. Ich fühlte Blicke auf mir ruhen.

Die Videonachricht stockte kurz, dann erschien der Militär erneut, von seiner anfänglichen Gefasstheit war jedoch nichts mehr übrig. Panik lag in seiner Stimme und in seinem Gesicht.

„Sie fliegen, die verdammten Biester fliegen!“, schrie er. Dann brach das Bild endgültig ab und ließ erneut weißes Rauschen zurück. Auch die Lautsprecher übertrugen nur mehr ein leises „Schhhhhhhhhh“.

Hinter mir vernahm ich ein schlürfendes Geräusch und als ich mich umdrehte sah ich dort einen der Pinguine auf mich zu kommen. Auch von den anderen Seiten näherten sich mir schlürfende Schritte und ich musste die Panik zurück drängen, die in mir erneut aufwallte. Die Bewegungen der Tiere waren unnatürlich schnell und stockten immer wieder, als würden sie kurzzeitig vergessen was sie antrieb.

So schnell ich konnte versuchte ich mich nach oben in Sicherheit zu bringen. Ich kletterte an den Verstrebungen nach oben, an denen der große Bildschirm an der Wand fixiert war und schaffte es noch gerade rechtzeitig ehe der sich Kreis unter mir schloss. Dann begann das Gekreische und meine Angst wuchs ins Unermessliche.

Den Schatten, der sich über mir aus der Wand löste nahm ich nur noch als Schemen wahr. Ich Narr hatte nicht aufgepasst. Er hatte es doch gesagt! Diese verdammten Biester konnten fliegen! Etwas packte mich und ich stürzte schreiend in die Tiefe.

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!“