Irrlicht

„Komm näher Fremder, das Feuer ist auch für zwei warm genug. Und was noch wichtiger ist, es hält die Schatten im Zaum! Deiner Kleidung nach zu urteilen, kommst du von weit her. Und du scheinst reich zu sein. Hast du dich … verlaufen?

Ich sehe schon, du sprichst nicht viel. Von deiner Sorte kommen immer öfter welche hier durch. Aber nur wenige bleiben lang. Sie wandern alle die lange Straße hinauf, die auch dich hier her gebracht hat. Man sieht es nicht, weil überall dieser unselige Nebel die Landschaft unter sich begräbt, aber auf dieser Straße kommt man nirgendwo hin!

Sie mich nicht an, als wäre ich irre! Das Recht spreche ich jedem Fremden ab, der in dieser verdammten Nacht mit nicht mehr als einem weißen Hemd und einem teuren Jäckchen durch die Kälte schleicht! Wohin blickst du Fremder!? Hast du da etwa ein Irrlicht in Händen?! DÄMON! DÄMON! Pack ihn weg, er wird dir keine guten Dienste leisten! Beim Heiligen Kreuz und allen rostigen Nägeln darin! Teufelsbrut, elende! Ich seh es doch blitzen in deiner Hand!

Hör auf mich und tausch deinen teuren Zwirn gegen einen warmen Mantel und hohe Stiefel und versuch dein Glück abseits des Wegs, aber wirf diesen Dämon weit weg! Glaub mir! Er wird dich zum Drachen führen, zum Drachen! Oooooh! HIC SUNT DRACONES! mein edel gekleideter Freund. Hier gibt es Drachen!

Wenn du der Ewigkeit nach Norden folgst, dorthin wo das Licht ist, dann ist es um dich geschehen! Sie werden mit dir spielen, wie Katzen mit einer Maus und du wirst ihnen folgen, weil sie dich mit ihrem Gesang narren. Ihr Lied erklingt tief im Herzen jedes Menschen, seine Worte sind magisch, handelt es doch von Liebe, von Erfolg und Reichtum. Damit locken sie dich immer weiter, weil du lange vorher schon Hoffnung und Vernunft von dir wirfst. 100 Meilen, 1000 Meilen, bis in die Ewigkeit!

Merke dir meine Worte, Fremder! Hältst du dich weiter an den vergifteten Rat dieses Irrlichts, so bist du des Todes.

Es ist nichts menschliches in diesem Ding, böse Magie hat es in diesen Käfig gezwängt, aber es sehnt sich nach der Freiheit. Solange es dein ist, wird es aber niemals frei sein. Ebenso wenig wie du! Zögere nicht länger. Ich sehe doch deine Zweifel. Wirf es weg, tief hinein in die Schatten des Waldes beidseits des Wegs. Lass dich nicht länger auf falsche Fährten führen und lerne wieder deinen eigenen Sinnen zu vertrauen. Lass ab von all dem Irrglauben.

Was du wirklich fürchtest ist die Freiheit, selbst zu wählen, aber dieses Gefühl ist nur eine Illusion. Fürchte dich lieber vor dem Scheinbaren, der Sicherheit mit der es dich auf falsche Wege führt! Wirf es weg, sonst ist es um dich geschehen! Lerne dir selbst zu vertrauen, ehe du dir diese Wahl für immer nimmst!

Ja!!! Es ist vollbracht! Sieh nur wie schön es fliegt, wie ein Vogel mit steinernen Flügeln! Und schon ist es im Dämmerlicht des Walds verschwunden. Dir Fremder steht nun frei, zu gehen wohin du willst. Kein falscher Rat kann dich mehr fehl leiten, außer dein eigener. Kehr um, oder wende dich dem unbekannten Land entgegen, es steht dir nun mehr frei!

Fühlst du dich nicht leichter, jetzt wo die Last der Entscheidung wieder auf deinen eigenen Schultern lastet? Nein, hab keine Angst vor dem Gefühl, lass es über dich rollen, wie die Wellen eines Ozeans, halte den Atem an, bis es dich wieder entlässt und dann fülle deine Lungen mit Freiheit!

Siehst du! der Moment der Panik ist vorüber und dein Blick wird klar. Auch das Irrlicht weiß nun, dass es die Macht über dich für immer verloren hat. Es jammert und bettelt, aber seine Stimme wird bereits dünner und bricht. Es hat sich selbst verloren, hörst du es?!“

„Bitte biegen sie bei nächster Gelegenheit rechts ab!“ Piiiiiep piiiiiiiep „Suche Satellitensignal, Daten werden geladen. Bitte warten! Bitte warten!“